Reisebericht

Teneriffa
La Gomera

Eine Linkskurve, langgestreckt und schnell. Vor uns noch 27 Kilometer kurvige Strassen durch den Nationalpark Garajonay zurück ins Valle Gran Rey. Die 650er Susi schnurrt zufrieden, ich auch. Die Landschaft erstaunlich grün, manchmal schroff, beinahe unwirklich. Ein Farnwald mit Moosen und Flechten an den Bäumen, fließt vorbei. Es fällt schwer, an einem Aussichtspunkt vorbeizufahren. Dann eine kleine Sackgasse abseits der Landstrasse. Wir halten vor Doña Marías beschaulichem Restaurant.


Viele Spanierinnen heißen María, weil ein Kind unter Franco nur getauft werden konnte, wenn mindestens ein Vorname biblischen Ursprungs war. Wer eine Frau anspricht, braucht also nur "María" zu sagen und liegt fast immer richtig. Unsere María erlebt die Ankunft von 18 Motorrädern offensichtlich selten, nimmt sie aber so gelassen hin wie alles im Leben. Auf der Terrasse, mit Blick ins Tal, gibt es café con leche für alle. Doch plötzlich ziehen sich die Wolken zusammen. Es fängt an zu nieseln. Dicht gedrängt stehen wir nun am Tresen. Auf unsere Frage, ob der Regen gleich wieder aufhören wird, überlegt María kurz und sagt dann mit ernstem Gesicht: "Das kommt darauf an." - "Worauf?" - "Auf`s Wetter." Typisch kanarisch! Aber das Wetter meint es gut. Schnell heitert der Himmel wieder auf und es geht weiter. Seit zwei Tagen sind wir unterwegs, ein bunter Haufen Motorradfahrer aus Hamburg, Bremerhaven, Berlin, Nürnberg, österreich, Holland und England. Auch ein paar Einheimische begleiten uns. Die jüngste Teilnehmerin heißt Svenja, ist vier Jahre, und fährt im monströsen Harley-Einbauküchengespann von Papis Kumpel mit. Jolly ist mit 69 Jahren der älteste und hält sich wacker auf seiner 125er Daelim. Die Spanier nennen das Motorrad "Delito" - spanisch für Verbrechen. Sie klingt wie ein Rasenmäher, ist aber etwas schneller und sieht sogar etwas besser aus. Doch Klassenunterschiede gibt es nicht. Ich habe mich mit dem Harley-Fahrer Dave angefreundet, der vor 20 Jahren den "Rattler`s MC" in der Nähe von Birmingham gegründet hat. Was für eine Erscheinung - und was für ein Bike! Selbst Buddy, der Racer, ist begeistert. Am Flughafen meinte er noch: "Hier ist man doch an einem Tag rum." Inzwischen weiß er es besser.
 



Matti und Sandra hatten uns am Freitag am Flughafen Reina Sofía im Süden Teneriffas abgeholt. Die beiden Hamburger leben seit 1998 auf der Insel. Ihre moto sol GmbH organisiert Motorradreisen auf Teneriffa, La Gomera, La Palma, Gran Canaria und El Hierro. Zwischen den Touren veranstalten sie Tagesausflüge und Motorradtreffen. Unsere Tour über Teneriffa und La Gomera dauert 14 Tage. Gleich am ersten Tag ging es nach einem kurzen Stopp vor Mama Juanas Pension zur Sache: im nahen El Médano gab es erste Tipps beim Bier. Matti und Sandra kennen sich aus. Im Strandcafé zeigten sie Bilder von früheren Touren, verrieten Tipps und Tricks. Der Abend endete spät beim Margarita in der Brasil Bar. Gut, daß es am nächsten Morgen erstmal auf die Einführungstour ging. Das ungewohnte Mietbike und die Eigenarten des Strassenverkehrs auf den Kanaren so entspannt kennenzulernen war wichtiger, als ich vorher gedacht hätte. "Du bist hier im Urlaub, nicht auf der Flucht. Streß ist verboten!", hatte Matti gleich am Anfang klar gemacht.


Und so ging es auch ohne Hektik nach La Gomera. Mit dabei der Servicewagen für Gepäck, Erste Hilfe, als Spaßmobil und Notwerkstatt. Wir sind auf der sicheren Seite: Matti ist Motorradmechaniker, Sandra Rettungssanitäter und Krankenpflegerin. Mit ihrer Firma haben sich die beiden einen Traum erfüllt. Ihre Touren sind mit Liebe zum Detail geplant, abwechslungsreiche und lassen doch immer genügend Zeit für Ruhepausen. Vom Gruppenkoller keine Spur, jeder hat auch Zeit für sich. Die gestaltet sich jeder, wie er mag. Dave und Carol frühstücken den ganzen Nachmittag, Richard, Monika und Svenja genießen den Pool, Jolly und Eva bummeln staunend über den Hippie-Markt, Matti und Sandra besuchen Bekannte und der Rest der Gruppe verstreut sich irgendwie, mit oder ohne Bike.

 

Wir sind inzwischen acht Tage unterwegs. über Valle Hermoso, Hermigua und Playa Santiago sind wir nach Teneriffa zurückgekehrt. Auf der Fähre mußte sich die Sanitäterin selbst verarzten. Der einzige Unfall. Beim Verzurren der Motorräder hatte Sandra sich am Arm verbrannt. Ein wenig Salbe, ein Verband, ein gequältes Lächeln: "Ich verbinde lieber mich als euch..."

 
Auf der größten Kanarischen Insel erleben wir dann halb Europa an einem Tag. Karge Lavalandschaften, Pinienwälder und sonnige Strände wechseln sich ab. Aus subtropischem Klima führt der Weg durch die Wolken. Wir fahren zum Teide, mit 3.718 Metern der höchste Berg Spaniens und einer der größten Vulkankrater der Erde, und zwar von Osten über Arafo, auf dem Höhenkamm an der futuristisch anmutenden Sternwarte vorbei. Auf dem Weg passieren wir noch einige nette Restaurants und Cafés mit sehr einladenden Terrassen, wo wir die "Höhensonne" genießen. Wir haben Glück: in der klaren Luft haben wir einen wundervolle Blick auf Gran Canaria, La Palma, El Hierro und La Gomera. Erinnerungen werden wach: "Weißt du noch, wir wir bei Doña Maria am Tresen standen...?" Der Höhepunkt der Tour. Doch was heißt schon Höhepunkt?

Am nächsten Tag sind wir auf der Küstenstrasse im Osten. Es bläst ein kräftiger Wind, dafür haben wir fast 100 Kilometer Kurven am Stück. Das können nicht einmal die Alpen bieten. Aber traumhafte Kurven erleben wir auch bei Masca im Nordwesten und im Anaga-Gebirge in Nordosten. Manche Tour ist ganz schön anstrengend. Nach den Masca-Serpentinen hatte ich sogar Muskelkater... überfordert wurde aber niemand, denn Matti und Sandra stellen sich auf die Leute ein. So kann sich jeder nach Tagesform einer sportlichen oder gemütlichen Gruppe abschließen. Gefeiert wird abends dann wieder zusammen. Dazu bietet Teneriffa reichlich Gelegenheit. Denn neben vielen Fiestas gibt es auf der Insel eine lebendige Bikerszene. Die trifft sich jeden Donnerstag beim Mexikaner, wo sich auch unsere Gruppe nach 14 spannenden Tagen schweren Herzens mit Tacos und Tequila von den Kanaren verabschiedet hat.


Tom Quack

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